Der wilde Westen hinter Hamburg und die Kammer des Schreckens – 23.01.2016, Neuengamme

Wir freuen uns schon lange auf diesen außergewöhnlichen Tag: Endlich kommen uns unsere Freunde von „trzy metry zuzlowych“ besuchen! Sie spielen in Garstedt, direkt bei uns um die Ecke! Das wird ein Fest. Gegen Abend düsen wir ins „SAM“, wo das Konzert unserer polnischen Partnerband stattfinden soll. Vor Ort müssen wir jedoch ernüchtert feststellen, dass von den Polen keine Spur zu finden ist… Wir fragen den hinter der Bar stehenden Cowboy, wo die Jungs geblieben sind. Er lacht rau auf und zündet sich eine Zigarette an, bevor er das Rätsel auflöst. Scheinbar hat sich die Band vor lauter Vorfreude komplett unter den Tisch getrunken (also jeder den anderen, bis keiner mehr übrig war). Naja jedenfalls liegen unsere Freunde völlig unfähig zu irgendwas im Keller und vergiften mit ihren Fahnen die Luft.

 

Wir beschließen, dass wir, wenn wir schon mal hier sind, dem anwesenden Publikum auf den Instrumenten der Polen auch ein kleines Trostset spielen könnten. Es gibt also für die Gäste ein exklusives Prelistening der bisher unveröffentlichten Songs. Irgendwann werden wir von einem lauten Knall und auffliegenden Saloontüren unterbrochen und ein Raunen geht durch den Raum. Eine wunderhübsche und gleichzeitig gefährlich anmutende Dame betritt noch mit rauchendem Colt das Etablissement. Sie setzt sich ohne ein Wort an die Bar und trinkt dort eine Flasche Whiskey, während wir weiterspielen. Bevor Sie wieder verschwindet, sagt sie, dass sie uns gerne bei unserem Jubiläumskonzert wiedersehen will und stellt sich als Suzy vor.
Von den Einheimischen erfahren wir, dass sie Suzy Topless genannt wird. Wir freuen uns und trinken noch Bier, rauchen und diskutieren mit dem Cowboy bis spät in die Nacht über Lassos, Indianer und die Wüste. Zwischendurch gibt es Feuerwasser für alle. Hurra!

 

Am nächsten Morgen fühlen wir uns, als hätte uns eine Büffelherde überrannt. Hat sie vielleicht auch, keiner kann es nachvollziehen.

 

Als wir wieder halbwegs lebendig sind, fangen wir an, Tetris zu spielen und schaffen es, acht Leute und das komplette Equipment in zwei Autos zu quetschen. Auch hier kann im Nachhinein nicht mehr nachvollzogen werden, wie das passen konnte. Egal, wir reiten los.

 

Heute spielen wir auf der „Neuengammer Rock Night“. Wir wissen nicht, was wir erwarten sollen und ob es in Neuengamme Menschen gibt, die fähig sind die Night zu rocken und ob es in Neuengamme überhaupt Menschen gibt. Darüber hinaus findet die Veranstaltung in einem evangelischen Gemeindezentrum oder sowas in der Art statt. Das kann ja was werden.

Nach ungefähr 146 Minuten Geeier über diverse Deiche und Gerumpel über unbefestigte Schotterwege erreichen wir unsere Destination. Unterwegs haben wir schon einen vereinsamten Menschen mit hängendem Iro gesichtet. An der Tür jedoch gleich das erste Highlight: Der Typ an der Abendkasse trägt ne „Heaven Shall Burn“-Mütze. Im Laufe des Abends trifft ihn auch kein Blitz oder so. Gott hat wohl Humor. Oder grauen Star.

 

Wir machen es uns erstmal im Backstage gemütlich und fallen über das vorzügliche Mahl her, was uns dort kredenzt wird. Prädikat: Delikat.

Bei den anderen Bands ist auch für jeden was dabei: Von den Beatles 2.0 über Grunge, bis hin zu Singer-Songwriterkram ist alles vertreten. Wir freuen uns und trinken Bier. Hendrik liest aus der Bibel vor.

 

Andere erwähnenswerte Dinge: Der Backstageraum grenzt an das Büro der örtlichen Pastorin. Es gibt Unisex-Toiletten. Die Bühne wird von zwei Wasserkästen gehalten (was wir erst beim Abbau erfahren). Außerdem: Weil wir ihn ärgern, will der kleine Bruder des Veranstalters, bei dem wir das Gefühl nicht loswerden, dass er vorher kräftig am Prittstift geschnüffelt hat, uns die Masse von den Autos abklemmen. Wir wissen zwar nicht, was das ist, aber es klingt nicht gut. Zum Glück findet er die Autos nicht. Wir erfahren später vom Veranstalter, dass er bei sowas nicht blufft.

 

Wir spielen den wohl heißesten Auftritt, der dieses Jahr kommen wird. Alle (Band/Publikum/Kirchenmäuse) sind komplett durchweicht und haben schrumpelige Hände und Nasen. Bei „Sommer, Sonne, Bier“ gibt es sogar eine herrlich anmutende Wall of Death! Wat is dat schön. Finn tauscht noch in Hoffnung auf Besserung sein nasses Shirt gegen ein genauso nasses. Hätte ja klappen können.

 

Als wir abgebaut haben, kommt aber das eigentliche Highlight des Tages: Bereits bei der Ankunft haben wir Gerüchte über eine ominöse Kneipe ganz in der Nähe gehört, wo man scheinbar seinen Lebensabend ganz gut verbringen könnte. Auf Nachfrage weist uns der Prittstift-Bruder an, ihm zu folgen. Wir gehen in die Toiletten und bekommen schon Angst. Er löst einen lockeren Stein und legt seine Hand auf eine Rune, während er einen Zauberspruch murmelt. Schon öffnet sich eine vorher unsichtbare Tür, hinter der eine Treppe in ein düsteres Gewölbe führt. So oder so ähnlich muss es sich zugetragen haben.

 

Naja, jedenfalls gibt es hier Bier und man kann rauchen. Wir sind begeistert. Dort treffen wir auf andere Menschen, die uns Legenden aus längst vergangenen Zeiten erzählen. Die Beschreibung der beiden kühnen Recken aus den Geschichten erinnert stark an sie selber. Was für ein Zufall. Möglicherweise treffen wir auch die Pastorin. Wir sind uns nicht ganz sicher. Gitarrist 1 und Gitarrist 2 wären hier mit einer 98%igen Wahrscheinlichkeit ganz furchtbar versackt, wenn der räudige Rest sie nicht zu einem angemessenen Zeitpunkt gerettet und in die Autos verfrachtet hätte.

 

Das war also Neuengamme. Schön hier. Zumindest der Schlag Mensch, der sich in evangelischen Gemeindezentren und deren geheimen Kellern rumtreibt.

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