Drummer-Drama und Mutanten-Nemo: 16.04.2016 Klub Linse, Berlin

Es ist Samstag. Der Morgen beginnt, wie sollte es anders sein, mit einem ausgedehnten Kater. Schließlich haben wir ja am Tag zuvor in Lüneburg unser Unwesen getrieben. Simon, Hendrik, Per-Ole und Finn treffen sich irgendwann mittags, um die Scherben der letzten Nacht zusammenzupuzzeln und zu beratschlagen, wie man denn diesen Tag bloß überleben soll.

 

Heute ist die Fahrsituation eine andere als normalerweise. Bennet und Philip fahren mit dem Auto und nehmen den ganzen Krempel mit, während der faule Rest direkt mit dem Zug aus Hamburg in 1,42 Stunden nach Berlin düst. Wir (Reisegruppe Deutsche Bahn) fahren also erstmal mit dem Auto vom Proberaum nach Harburg ins Park and Ride Parkhaus. Wir wollen sogar einen Parkschein lösen, der während unserer gesamten Abwesenheit gültig ist, geht aber nicht, weil 24 Stunden Maximum. Selber Schuld. Dann mit der S-Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof. Dort beschließt die noch vom Vortag geräderte Reisegruppe, gemütlich Currywurst Pommes zu frühstücken (eigentlich ganz schön dumm, Currywurst in Hamburg zu essen, wenn man grade auf dem Weg nach Berlin ist. Naja…). Hier gibt Finn auch sein letztes Bargeld aus und geht von nun an allen mit akutem Geldmangel auf den Sack. Wir begeben uns langsam zum Gleis und steigen sogar auf Anhieb in den richtigen Zug. Ist die Moral in den ersten 10 Minuten Fahrt noch hoch, stellt sich kurz darauf eine allgemeine, verkaterte Langeweile ein. Doch wir wären ja nicht wir, wenn wir dafür nicht sofort eine Lösung parat hätten. Kurzerhand werden die bandeigenen Sticker mit Edding verschandelt und so in ein astreines Kartenspiel verwandelt. Von nun an werden männliche Spiele wie „Mau Mau“ oder „Schwimmen“ (mit widerlichen Lakritz-Mentos als Leben) gespielt. Rockstarlife und so. Pokern oder Skat geht leider nicht. Zum einen, weil wir die Regel nicht kennen, zum anderen, weil wir zu faul sind, ein ganzes 52er Blatt zu basteln. So vergeht die Zeit auf jeden Fall ziemlich fix und auf einmal stehen vier Dorfkinder im großen Berlin am Hauptbahnhof und kämpfen mit den Fahrkartenautomaten. Von nun an hält die gesamte Reisegruppe Ausschau nach einer Volksbank, damit Finn sich neue Spaßgutscheine drucken kann… vergeblich.

 

Nach einigen großen und kleinen Umwegen sind wir an der Adresse angekommen, an der das Jugendzentrum stehen sollte, wo wir heute spielen sollen. Vor uns steht ein riesiges, gelbes Gebäude mit Turm. Ein Theater, so lesen wir. Vermutlich ist das Juz irgendwo im Keller oder so. Wir machen uns auf die Suche und rennen ungefähr acht mal durch alle fünf Stockwerke des Gebäudes. Überall stehen gruselige Requisiten und Puppen, die uns mit bösen Augen beobachten. Nach 20 Minuten geben wir resigniert auf. Auf dem Weg nach draußen finden wir durch Zufall einen Innenhof, von dem aus wir ein kleines, buntes Häuschen sehen können. „Linse“ steht dran. Endlich! Wir haben es geschafft!

 

Wir werden direkt herzlich von den geilen Typen von „Systemo“, die uns eingeladen haben, in Empfang genommen und mit der Location vertraut gemacht. Ein Jugendzentrum wie es im Buche steht – inklusive Schnaps- und Rauchverbot. Wir sind natürlich mal wieder viel zu früh und nach Systemo die einzigen Menschen im Club. Um uns herum wird fleißig gewerkelt und letzte Vorbereitungen für den Abend getroffen. Ehrensache, dass wir uns erstmal auf den zerschlissenen Sofas niederlassen und versuchen, unseren doch sehr hartnäckigen Kater loszuwerden. Aber wo sind eigentlich Bennet und Philip? Achja, die sind ja mit dem Auto und dem Equipment unterwegs. Während wir so rumliegen, bekommen wir regelmäßige Statusupdates vom offensichtlich total entnervten Bennet, die uns behutsam auf den Zustand unseres Schlagzeugers vorbereiten. Wir rechnen schon mit dem Schlimmsten, aber werden dennoch überrascht – und zwar nicht im positiven Sinne. Als der Bus irgendwann auf dem Parkplatz einrollt, steigt auf der Fahrerseite ein sichtlich angepisster Bennet aus und aus der anderen Tür springt zeitgleich ein laut singender und rauchender Schlagzeuger, um sich direkt auf die Fresse zu legen. Insider wissen, dass Philip nur kurz vor dem Delirium zur Zigarette greift. Kurz darauf präsentiert er uns stolz seine nahezu leere Whiskyflasche, die er auf der Fahrt vernichtet hat. Kenner wissen außerdem, dass Philip nicht viel Schnaps benötigt, um einen für alle Beteiligten sehr unangenehmen Zustand zu erreichen. So weit, so schlecht.

 

Nachdem wir (Per-Ole) den Bus ausgeladen haben und den Merch-Stand aufgebaut haben, beschließen wir, dass wir uns eine Pause verdient haben und begeben uns Richtung Backstage, um nun mit etwas härteren Mittelchen den Kater zu bekämpfen. Natürlich nicht, ohne vorher sichergestellt zu haben, dass Philip währenddessen irgendwem anders als uns auf den Sack geht. Irgendwann wundert er sich, wo der Rest der Band abgeblieben ist und lässt uns digital die Frage nach unserem Aufenthaltsort zukommen. Zurück bekommt er ungefähr 20 verschiedene Standorte in der näheren Umgebung geschickt. Obwohl der erste gesendete Standort (der Backstageraum) sogar richtig war, stapft er in Richtung des nächsten Dönermannes, um sich dort zu wundern, warum wir nicht da sind. Beleidigt kommt er zurück und schmollt. Später gibt es Essen. Wie es sich in einem Juz gehört: (für vegane Verhältnisse) sehr gute Spaghetti-Bollo. Als wir schon fast fertig sind, entdecken wir es: Das großartigste Kunstwerk des 21. Jahrhunderts, die sixtinische Kapelle unter allen Juzes dieser Welt. Wir erstarren (liegen vor Lachen auf dem Boden) vor lauter Ehrfurcht. Die gesamte Wand der Küche ist mit einer Findet-Nemo-Land-(oder Wasser-)schaft bemalt, deren Zentrum ein unglaublich hässlicher Zombie-Clownfisch-Mutant ziert. Wir sind begeistert! Und das eigentliche Highlight des Abends kommt ja erst noch!

 

Langsam fangen auch die ersten Bands zu spielen und unsere Motivation steigt. Beim Auftritt von Systemo ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Die Jungs stellen ihr neues Album live vor und bauen sogar in einige Songs eine Geige ein. Verrückt. Jetzt dürfen wir! Sogar Philip hat inzwischen durch wundersame Weise wieder einen vertretbaren Pegel erreicht und ist jetzt so schlecht wie immer. Das Publikum ist von Anfang an am Start und feiert! Dafür, dass wir das erste Mal in Berlin spielen und uns dementsprechend keiner kennt oder nur mal 2-3 gehört hat, sehr vorbildlich. Wir mögen Berlin. Als 2/3 des Sets um sind, geht Finns Gitarre auf einmal nicht mehr. Nach fünfminütiger, fieberhafter Fehlersuche ist das Problem identifiziert: Der Power-Schalter am Verstärker steht auf Off. Schalter wieder auf On und weiter gehts! An dieser Stelle muss man erwähnen, dass der Zugang zum Backstage unglücklicherweise über die Bühne führt und der Sänger einer anderen Band den Verstärker einfach ausgeschaltet hat. Danke dafür!

 

Der Rest des Sets verläuft ohne weitere Zwischenfälle. Nachdem wir fix abgebaut haben, begeben wir uns zum Merch-Stand und es bietet sich uns ein furchtbar trauriges Bild: Kein einziger Mensch steht davor. Was aber noch viel schlimmer ist: Auch kein Mensch steht dahinter! Wir fragen den Nachbarmercher, wo Per-Ole geblieben ist. „Hm, ich glaub, der ist da hinten am Kickern“ – Und tatsächlich, wir werden Zeugen davon, wie am Kickertisch um die Ecke ein total sturzbesoffener Per-Ole einen völlig überforderten Punk in Grund und Boden spielt. Später erfahren wir, dass der gute Mann sich während des Auftrittes aufgrund von Biermangel den kompletten Merch-Pfeffi reingezogen hat. Warum auch nicht?
Inzwischen ist die Uhrzeit auch schon gut vorangeschritten und es läuft Musik, wie wir sie von 4 Uhr nachts auf einer Dorfparty gewöhnt sind. Gut Berlin! Wir füllen noch das Thekenpersonal mit unserem (irgendwas machen wir falsch) Ersatzpfeffi ab, bevor wir uns zu den Klängen von Gigi D’Agostino’s „The Riddle“ verabschieden. Philip und Bennet düsen wieder mit dem Bus und dem Equipment in Richtung Heimat, während der Rest von uns sich in die dunkle Berliner Nacht schlägt.

 

Bonus Content: Lost in the Hauptstadt

 

Nach einer unendlichen Odyssee durch Berlin, auf der uns sowohl unser Ersatzpfeffi weggetrunken, als auch mehrfach der Weg falsch erklärt wurde, treffen wir uns noch mit einer anderen Berliner Band (Name der Redaktion bekannt) und wir trinken zusammen das ein oder andere Bier. Inzwischen haben alle ungefähr Philips mittäglichen Zustand erreicht. Per-Ole kämpft mit einem riesigen Zauberbier, was einfach nicht leer werden will. Nicht einmal, als wir mithelfen. Strange. Vor lauter Frust geht Per-Ole beim Dönermann gegenüber erstmal frühstücken, um es anschließend noch weiter zu probieren. Als wir beschließen, betrunken genug für heute zu sein, gehen wir geschlossen in den Dönerladen, den Per-Ole schon ausgekundschaftet hat. Dort gibt es „Der Gerät“ (kennt das noch jemand?) und Döner für alle (Per-Ole genehmigt sich noch einen zweiten). Während wir so vor uns hin essen, wird es draußen langsam hell und unsere Gespräche immer zusammenhangloser. Per-Ole schläft andauernd beim essen ein, kaut im Schlaf weiter und wacht dann davon auf, dass sein Mund leer ist und Nachschub braucht.

 

Nach diesem romantischen Frühstück schnappen wir uns das nächstbeste Taxi, was uns zu unserem Schlafplatz transportieren soll. Wir nehmen uns vor, nicht einzuschlafen, damit uns der Fahrer nicht über’s Ohr hauen kann. Nach zwei Minuten schlafen alle. Netterweise weckt uns der Fahrer am Ziel und sogar der Preis könnte ungefähr gestimmt haben. Das Glück ist halt mit den Betrunkenen. Wir nächtigen beim Schlagzeuger von Systemo und finden auch auf Anhieb die richtige Wohnung und das richtige Zimmer. Als wir ins Bett fallen, wundern wir uns auch nicht darüber, dass er ein Zimmer mit vier Betten bei sich zu Hause hat, die offensichtlich nicht benutzt werden. Der nächste Morgen (früher Nachmittag) ist mal wieder furchtbar. Es ist total hell und wir haben nur mittelviel Appetit, obwohl uns ein wundervolles Frühstück kredenzt wird. Wir beschließen den schnellen Aufbruch, damit wir unserem Gastgeber nicht noch weiter die Nerven rauben. Jetzt geht es erstmal auf Sightseeing-Tour, wir sind schließlich in Berlin. Als erstes machen wir uns zum Brandenburger Tor auf. Finn denkt bei jedem Gebäude mit runder Kuppel, dass es das Reichstagsgebäude ist. Vor dem Hotel Adlon stehen ziemlich viele Fotografen und wir streuen bei den umstehenden Gaffern das Gerücht, dass gleich George Clooney vorfährt, bis schnell eine große Menschentraube versammelt ist.
Dann weiter zum Tor, von da aus zum richtigen Reichstag und anschließend finden wir eine U-Bahnlinie, die sage und schreibe zwei Haltestellen hat. Cooles Ding. Dann holen wir uns am Alex was zu essen und wagen uns mal wieder, ein Alster zu trinken. Geht schon ganz gut. Simon ist sich nicht sicher, ob bei seinen Darmwinden nicht noch mehr mitgekommen ist. Wir latschen weiter und wollen auf den Fernsehturm, der Preis ist uns aber dann doch zu hoch und wir latschen lieber noch ein bisschen planlos durch die Stadt. Im übrigen hat Finn immer noch keine einzige Volksbank unterwegs gefunden und liegt dementsprechend immer noch allen auf der Tasche.

 

Als wir nichts mehr mit uns anzufangen wissen, fahren wir noch zum Checkpoint Charly, um auch wirklich alle Tourisachen abgegrast zu haben. Jetzt wird es höchste Zeit, wieder zurück zum Hauptbahnhof zu finden, damit wir unseren Zug noch bekommen. Im Zug spielen wir, sehr zum Ärger aller Mitreisenden, mit unseren von Maden zerfressenen und in Gin-Tonic getränkten Hirnen laut Stadt-Land-Fluss und geben so dumme Sachen von uns, dass wir eigentlich die halbe Rückfahrt mit Lachen und Weinen beschäftigt sind. Gehirnzellen dazugewonnen haben wir an diesem schönen Wochenende jedenfalls sicher nicht. Und wieder zurück in den Alltag!

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